Das eigene Selbstbild ist entscheidend für persönliches Wachstum. Darauf verweist jedenfalls die Forschung der Psychologin Carol Dweck an der Universität Stanford. In Studien fand sie heraus, dass Schüler auf sehr unterschiedliche Weise mit Herausforderungen umgehen. Konfrontiert mit besonders schweren Rätseln, gaben viele Schüler schnell auf. Doch andere zeigten wiederum ganz besonderes Durchhaltevermögen. Sie gaben an, Herausforderungen zu lieben und hatten auf eine Erfahrung gehofft, aus der sie lernen konnten. Ihre Denkweise unterschied sich drastisch von der Einstellung der anderen Schüler. Ein Fachartikel von DeSelfie-Autorin Charlotte Friedrich, University of East London.

Dynamisches oder statisches Selbstbild?

Jene Schüler mit besonderem Durchhaltevermögen hatten ein dynamisches Selbstbild, basierend auf der Annahme, dass wir konstant die Möglichkeit haben, uns zu verändern und über uns hinauszuwachsen. Dass dies möglich ist, dafür gibt es inzwischen ausreichend wissenschaftliche Belege. Dweck konnte in weiteren Studien zeigen, dass eine dynamische Denkweise zu herausragendem Erfolg und – wenn bewusst eingesetzt – sogar zu mehr Gleichberechtigung führen kann. Sozial benachteiligte Schulklassen zum Beispiel, denen im Unterricht eine dynamische Denkweise beigebracht wurde, zeigten enorme Verbesserungen im Laufe eines Schuljahres.

Doch nach wie vor werden wir, bereits im Kindesalter, ausschließlich an den Ergebnissen unserer Bemühungen gemessen, statt daran, welche Strategien wir einsetzen, wie wir mit Fehlern umgehen oder wie hartnäckig wir sind. Oft wird angenommen, dass unsere Eigenschaften und unsere Intelligenz in Stein gemeißelt seien. Das prägt unser Selbstbild. Wir sehen unsere Fähigkeiten als statisch an und wenn wir davon ausgehen, dass wir uns nicht verändern können, nehmen wir Misserfolge persönlich. Die Kritik an unseren Ergebnissen wird zu einem Angriff auf unser Selbst. Wir vermeiden es daher unter allen Umständen zu versagen.

Was ist der Preis dafür, dass wir nicht scheitern wollen?

In Dwecks Studien gaben Schüler mit einem starren Selbstbild an, sie würden in den nächsten Tests schummeln und sich mit jemandem vergleichen, der schlechter abgeschnitten hatte. Kurz gesagt, sie steckten ihre Energie in Strategien, um Misserfolge zu vermeiden anstatt in Möglichkeiten zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Diese Denkweise begleitet uns bis ins Erwachsenenalter und hat nicht nur einen Effekt auf unseren eigenen Erfolg und die Art, wie wir mit Herausforderungen umgehen, sondern beeinflusst auch die Menschen in unserem Umfeld. Ein starres Selbstbild behindert Lernerfahrungen, Lösungsfindung und Kreativität und steht somit unserem Erfolg im Weg.

Wie steht es um Ihr Selbstbild?

Wahrscheinlich tendieren auch Sie zu einem bestimmten Selbstbild. Allerdings können beide Denkweise in unterschiedlichen Ausprägungen und Situationen überraschend zum Vorschein kommen. Haben Sie sich auch schon mal dabei erwischt, wie Sie die Bemühungen von Freunden oder Kollegen, eine Lösung zu finden, mit Gegenargumenten niedermachten, bevor deren Ideen wirklich gehört oder getestet wurden? Sogar ein subtiles, „Das haben wir schon versucht“, reicht manchmal, um kreative Lösungen im Keim zu ersticken. Gerade in Teams kann dies weitreichende Folgen haben.

Selbstbild in Teams

Die folgende Übung kann in Gruppen eingesetzt werden und erlaubt es auf beeindruckende und einfache Weise, den Effekt der unterschiedlichen Einstellungen in kurzer Zeit am eigenen Leib zu erfahren.

Per Losverfahren oder Auszählen werden den Anwesenden „Selbstbilder“ zugeteilt:  dynamisch oder starr. Bei einer großen Gruppe erfolgt dann eine Aufteilung in kleinere Gruppen von drei bis sechs Personen.

Alle erhalten die gleiche Aufgabe, diese lautet: Stellen Sie sich vor, Sie werden aus Versehen in diesem Raum eingesperrt. Diskutieren Sie untereinander, wie Sie sich befreien können. Dabei dürfen Sie nur vom Standpunkt Ihres zugeteilten Selbstbildes argumentieren. Während eine flexible Denkweise zu einer Anzahl von Ideen führen würde, könnten typische Formulierungen für eine starre Denkweise zum Beispiel so aussehen: „Wir können nichts machen. Bisher hat das auch nicht funktioniert. Ich glaube nicht, dass wir das schaffen können.“ Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf, aber bleiben Sie in Ihrer Rolle.

Reflektieren Sie im Anschluss, wie sich dieses Experiment für die unterschiedlichen Gruppenmitglieder angefühlt hat: Wie fühlt man sich, wenn man zum Beispiel als einziger eine dynamische Denkweise in einer Gruppe starrer Selbstbilder aufweist? Welche Lösungen wurden in Gruppen mit überwiegend flexiblen Einstellungen gefunden, im Vergleich zu Gruppen mit primär starrer Denkweise?

Diese Dynamik einmal bewusst und in Extremform zu erleben, eröffnet überraschende Einblicke––nicht nur in die eigene Denkweise, sondern auch in die von Teams.

Was können wir tun, um unsere flexible Denkweise zu stärken?

Um über uns hinaus zu wachsen, haben wir, ganz im Sinne des dynamischen Selbstbildes, eine Menge Möglichkeiten.

1. Die eigenen Glaubenssätze und Einstellungen erkennen

Die oben beschriebene Übung, erlaubt es, sich seiner eigenen Einstellung bewusst zu werden. Aber auch wenn wir gerade keine Gruppe selbstentwicklungsbegeisterter Freiwilliger zur Hand haben, können wir uns trotzdem vor der nächsten Herausforderung fragen, „Glaube ich, dass ich das schaffen kann? Und was bedeutet es für mich, sollte ich scheitern?“

2. Öfter das Wort „noch“ benutzen

“Noch” ist ein kleines Wort mit großem Effekt. So macht es aus einem „Nicht“ ein „Noch nicht“ und somit aus einem Misserfolg den nächsten Schritt in unserer Lernkurve. Denn große Herausforderungen bieten uns die Chance zur Weiterentwicklung und Misserfolge können uns lehren, über uns hinauszuwachsen. Wenn wir scheitern, dann können wir uns daran erinnern, denn „noch“ ist ein Wort, das Entwicklung zulässt.

3. Richtig loben

Loben Sie den Prozess! Egal ob es sich um Ihre Kollegen, Mitarbeiter oder Kinder handelt oder um Ihren eigene Entwicklung. Durchhaltevermögen, Fokus und Verbesserungen anzuerkennen, führt beim nächsten Mal zu mehr Einsatz und einem besseren Ergebnis. Wir beginnen den Umgang mit Herausforderungen so als einen Lernprozess zu begreifen. Somit kann unser persönliches Wachstum zu einer positiven Erfahrung werden.

Zum Weiterlesen:

Carol Dwecks Buch: Selbstbild – Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt

Ein beeindruckender TEDtalk von Carol Dweck

Wissenschaftliche Studien finden Sie unter anderem hier:

O’Rourke, E., Haimovitz, K., Ballweber, C., Dweck, C., & Popović, Z. (2014, April). Brain points: a growth mindset incentive structure boosts persistence in an educational game. In Proceedings of the SIGCHI conference on human factors in computing systems (pp. 3339-3348). ACM.

Blackwell, L. S., Trzesniewski, K. H., & Dweck, C. S. (2007). Implicit theories of intelligence predict achievement across an adolescent transition: A longitudinal study and an intervention. Child development78(1), 246-263.

Nussbaum, A. D., & Dweck, C. S. (2008). Defensiveness versus remediation: Self-theories and modes of self-esteem maintenance. Personality and Social Psychology Bulletin34(5), 599-612.